Wird UMTS-Videotelefonie systematisch kleingehalten?

Gut, ich gebe es gleich zu Beginn zu: Videotelefonie mit dem Mobiltelefon ist hierzulande ein reines Nieschenprodukt. Kaum einer nutzt es im Alltag, viele sind der Meinung es sei überflüssig. Dennoch muss ich mir im Jahr 2012 die Frage stellen, wieso diese UMTS-Standardfunktion in aktuellen Handys – oder besser gesagt Smartphones – seitens der Hersteller absichtlich ignoriert wird.

Was vielen vielleicht nicht klar ist, ist dass native UMTS-Videotelefonie genauso ein Standard ist wie beispielsweise gewöhnliche Sprachtelefonie über GSM. Selbstverständlich würde kein Hersteller auf die Idee kommen ein Smartphone ohne Sprachtelefonie-Funktion zu entwickeln. Auf die Einbindung des Videotelefonie-Standards wird hingegen bei fast allen Herstellern aktuell verzichtet. Der Grund liegt meines Erachtens aber nicht einfach nur darin, dass die Funktion von recht wenigen Benutzern aktiv genutzt wird. Mittlerweile komme ich zu dem Schluss, dass die dominierenden Smartphone-Betriebssysteme Android und iOS rein aus den eigennützigen Interessen der dahinterstehenden Firmen Google und Apple keine native Videotelefonie über UMTS bieten.

UMTS-Videotelefonie

Warum denke ich das? Ganz einfach. Google hat z.B. erst vor Kurzem seiner in Android fest verankerten Google Talk App die „Hangout“-Funktion hinzugefügt. Damit kann nun jeder Android-User mit anderen Google Talk Nutzern videochatten, sofern das Smartphone über eine Frontkamera verfügt. Ebenso können damit Gmail- und Google+-Nutzer am PC via Video angerufen werden. Grundsätzlich eine tolle Sache. Aber genau deshalb möchte Google sich scheinbar keine Konkurrenz ins Haus holen und verzichtet darauf native UMTS-Videotelefonie in Android zu integrieren.

Einzig Samsung und LG scheinen etwas dagegen zu haben. Die beiden koreanischen Unternehmen haben in einigen ihrer Android-Smartphones die standardisierte Videotelefonie wieder hinzugefügt. Das liegt vermutlich daran, dass die Mobilfunknutzer in Korea häufiger zur Videotelefon-Funktion greifen und die beiden Hersteller es sich nicht leisten können ein Basis-Feature einfach zu ignorieren. Somit gibt es auch hierzulande Android-Smartphones mit Unterstützung von UMTS-Videotelefonie. Allerdings leider nur eine Handvoll.

Beim nächsten großen Player sieht es ähnlich aus. Apple hat mit dem iPhone 4 „Facetime“ vorgestellt. Auch mit diesem Dienst lassen sich Videotelefonate vom iPhone 4 (bzw. dem iPad 2) aus führen. Die Krux hierbei ist allerdings die Gleiche wie bei Google Talk: Auf native Videotelefonie wird zugunsten des eigenen Systems verzichtet. Bei Apple sieht das ganze noch eine Ecke dramatischer aus als bei Google. Denn außer dem iPhone 4 und dem iPad 2 gibt es keine mobilen Geräte die zu Facetime kompatibel wären. Eine weitere Einschränkung ist, dass es bisher nur via WLAN funktioniert. Hierzu lieber kein Kommentar.

Bei Android hat man zwar eine recht große Bandbreite an unterschiedlichen Smartphones, die theoretisch kompatibel sind. Damit ist die Chance größer, dass das Gegenüber via Video angerufen werden kann. Doch auch das ist äußerst unbefriedigend, im Hinblick auf die Tatsache, dass ein einheitlicher Standard schon seit vielen Jahren existiert.

Wir halten also fest: Android zu Android funktioniert. iPhone 4 zu iPhone 4 funktioniert. Android zu iPhone und umgekehrt – Fehlanzeige. UMTS Handy zu iPhone 4 oder Android bzw. umgekehrt – Fehlanzeige.

Da es neben Android und iOS derzeit keine weiteren nennenswerten Smartphone-Betriebssysteme gibt, ist dies äußerst ärgerlich. So wird man als Smartphone-User quasi automatisch bevormundet und dazu gezwungen, entweder die vom Hersteller vorgesehen Services zu nutzen, eine Drittanbieter-App wie Skype zu installieren oder auf Videotelefonie komplett zu verzichten.

Wurde in der Vergangenheit die Videotelefonie durch die astronomischen Minutenpreise der Netzbetreiber zur Totgeburt verdammt, so sind es heute die Unternehmen hinter den Smartphone-Betriebssystemen, die fleißig am Niedergang des Standards arbeiten.

Stellt euch mal vor man würde so etwas mit Sprachtelefonie machen. iPhone-User könnten sich nur noch gegenseitig anrufen, Android-User müssten vor jedem Telefonat wissen welches Modell welchen Herstellers der Anzurufende nutzt. Und normale Handys könnten Smartphones gar nicht mehr erreichen. Das klingt lächerlich? Ja, tut es. Und es ist bittere Realität wenn es um UMTS-Videotelefonie geht.

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5 thoughts on “Wird UMTS-Videotelefonie systematisch kleingehalten?

  1. Steve Reply

    In/bei welchen Netzen/Providern wird den heute noch/schon Videotelefonie angeboten und zu welchen Preisen? Habe seit über 5 Jahren ein SE K610i das Videotelefonie „kann“, habe aber noch kein annehmbares Angebot gefunden, geschweige denn einen „Anruf-Gegner“. Schuld sind die Netzbetreiber, die glauben, für 39ct/Min würde jemand videofonieren. Für 9ct würde ich es machen und die Netzbetreiber müssten ihre Investition in die entsprechenden Netzkoponenten nicht komplett abschreiben. Aber wenn man z.B. Prepaid-User kategorisch ausschliesst……

  2. Sven Post authorReply

    Wie in meinem Blogpost schon geschrieben, sind die Netzbetreiber ganz offensichtlich nicht alleine daran Schuld! Natürlich ist und war die Preisgestaltung der NB schon immer ein sehr großes Hindernis für den Erfolg der Videotelefonie. Dennoch würden selbst billigste Videotelefoniepreise heute nicht mehr viel nützen, da die Hard- und Softwarehersteller von Smartphones keine UMTS-Videotelefonie mehr einbauen…

    Zu den Tarifen gibt es aber noch etwas zu sagen. Und zwar ist es relativ unbekannt, dass Vodafone als einziger Netzbetreiber in Deutschland Videotelefonie generell zum Preis von Sprachtelefonie anbietet. Hast du z.B. einen Vertrag mit Inklusivminuten, werden die auch auf Videotelefonie angerechnet. Hast du eine Flatrate, fällt für UMTS-Videotelefonie z.B. auch kein Extra-Entgelt mehr an.

    Prepaid-User werden übrigens NICHT kategorisch ausgeschlossen. Auch bei CallYa hat Vodafone bis vor kurzem noch Videotelefonie zum Preis für Sprache abgerechnet. Leider ist das in den neuen CallYa-Tarifen nicht mehr so.
    Trotzdem: Sogar einige Discounter (im Vodafone-Netz) bieten Videotelefonie zum Sprachpreis an. EDEKA Mobil zum Beispiel (9ct/min). Hat man dort die Community-Flat für €2,95/Monat gebucht, kann man untereinander dafür sogar unbegrenzt videotelefonieren.

    Du siehst also, es geht wenn man den richtigen Anbieter hat. Nur die Smartphones wollen eben nicht…

    • Sven Post authorReply

      Das ist aber nicht bei allen Vodafone-Tarifen der Fall. Beispielsweise wurde der Einheitspreis in vielen (allen?) Prepaid-Tarifen schon vor längerer Zeit abgeschafft.

  3. Pingback: Echte, also 3G-basierende Videotelefonie - Seite 48 - Android-Hilfe.de

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